Samstag, 30. Juni 2018

Klassifikation pt2. G3.

Mit schlotternden Beinen betrete ich die Praxis, mit schlotterndem Herzen verlasse ich sie.

Es gibt keinen Zweifel mehr, der pathologische Befund schreibt es schwarz auf weiß.



Muskelinvasiver Tumor. 

Klassifikation pt2. G3. 

Die Blase kommt raus.
Demnächst bekommen wir einen Termin in der Klinik, ein Tumorkonzil , an dem Onkologen, Chirurgen und ein Psychologe zugegen sein werden, um zu besprechen wie die nächste OP von statten gehen wird.

Ich bin müde...
müde vom nachts weinen, müde vom immer wieder kämpfen.
Einfach nur noch müde.


Dienstag, 26. Juni 2018

Ein Engel auf Erden.

Dienstag betrete ich nervös und unausgeschlafen das Krankenhaus. Schon auf der Station werden mir aber die ersten Magengrummeln abgenommen. Ein freundliches Pflegepersonal nimmt sich meiner an, bespricht Aufnahme, EKG, und weitere Abläufe mit mir.
Kurz darauf erscheint ein Arzt und führt noch ein OP-Gespräch mit mir und untersucht mich nochmals gründlich. Toller Arzt, sehr einfühlsam und erklärend, und keine Frage meinerseits bleibt unbeantwortet.
Ein gutes Patient-Arzt Verhältnis. Ich persönlich finde dass dies immer ein wichtiger Bestandteil zum Genesungsprozess ist.

Den restlichen Tag verschlafe ich zum Glück. Nachts bekomme ich eine Schlaftablette und den Vormittag bis zur OP liege ich im Delirium . Ehe ich mich versehe bin ich wieder auf meinem Zimmer, der Liebste sitzt Händchen haltend an meinem Bett und ich schlafe mich "gesund".
Erst zum Donnerstag werde ich wieder etwas munterer, wage die ersten Schritte, und gönne mir einen leckeren heißen Latte Macciato in der Krankenhauscafeteria. Den restlichen Tag verbringe ich mit Lesen, Schlafen, Zimmerwechsel. Das mein Internet nicht funktioniert empfinde ich sogar mal sehr entspannend, soviel wie die letzten Tage habe ich lange nimmer gelesen.

Mein Zimmer teile ich mir mit einer 83 jährigen Frau und einer Dement kranken Dame. Inge (83) und ich verstehen uns auf Anhieb, sie erzählt mir viel aus einem sehr bewegten Leben, und das Beste an ihr ist ihr unerschütterlicher Humor und ihr Gelassenheit mit der sie schwierige Dinge im Leben bewältigt und abarbeitet. Das Leben hat es nicht immer gut mit ihr gemeint, und trotzdem strahlt sie eine positive Fröhlichkeit und eine unglaubliche Stärke aus, die selbst mich mit reißt und von der ich mir tatsächlich einen Teil mit nach Hause nehmen konnte. Inge und ich stehen im Kontakt, denn trotz ihrer 83 ist sie ein echter Facebookjunkie und wir werden uns demnächst mal auf einen Kaffee wiedersehen.

Frau Engel ist dement. Aber so süß. Sie lächelt immer nur. Nicht einmal hat sie trotz Schmerzen geweint oder gemeutert, sie liegt im Bett und lächelt, und wenn man ihr ins Gesicht schaut denkt man , man schaue einen Engel an. Zumindest kommt es einem so vor.
Als sie in unser Zimmer geschoben wird heißt es sie würde nicht reden.
Ihre Töchter kommen, zwei hat sie, Damen aus Schickimickihäusern.
Jede kommt für ca. 10 Minuten.
20 Minuten Besuch in all den Tagen, sehr erbärmlich ! Sie haben Frau Engel keine Klamotten mitgebracht und nichts Persönliches was ihr vielleicht den Aufenthalt etwas verschönern könnte.
Ich empfinde tiefes Mitleid mit der armen Frau und Abscheu für das Verhalten der Familie.

Am ersten Tag beobachten wir noch wie sie ihr Essen hingestellt bekommt mit dem sie scheinbar nichts anzufangen weiß. Auch zum Trinken hat sie keine Lust. Sie liegt und lächelt. Und schweigt.
Nachts dafür sägt sie allerdings für 20 Mann die Bäume des Klinikums ab. Es ist eine sehr laute Nacht, aber wir sind ihr nicht böse. Stattdessen lesen und beschäftigen wir uns eben anderweitig anstatt zu schlafen.
Am zweiten Tag kommt eine andere Pflegekraft ins Zimmer. Diese ist sehr herzlich und spricht immer wieder auf Frau Engel ein. Sie müsse mehr Trinken. Ob ihr kalt sei, ob sie gut liege. Aber alles was zur Antwort kommt ist ein Lächeln. Aber irgendwas ist an ihrem Blick anders. Sie wirkt klarer und aufmerksamer.
Während wir wieder alleine im Zimmer sind schaue ich immer mal wieder zu Frau Engel hinüber, und irgendwie packt es mich und ich stehe plötzlich neben ihrem Bett und rede auf sie ein. Sie muss dringend trinken, denn ihr Katheter sieht sehr, sehr ungesund aus. Sie schaut mich an, lächelt UND greift zum Becher. Es ist verrückt, aber ich freue mich wie ein kleines Kind.
Immer mal wieder spreche ich sie an, sie schaut mich an, beobachtet und lächelt.
Ich frage sie ob wie ein wenig fernsehen wollen - ihr Lächeln wird noch breiter. Also läuft den ganzen Tag über eine Tiersendung, eine Shoppingsendung und abends Fußball. Ihre Augen sind wach und sie schaut unentwegt in den Fernseher. Und sie lächelt. Zwischendurch schaut sie nun auch mal zu unseren Betten und jedesmal streift uns ein Lächeln und irgendwie auch ein ergreifendes Stück Zufriedenheit.

Am Sonntag sollen Inge und ich entlassen werden. Morgens kommen noch einmal die Schwestern. Wir haben eine  wundervolle Schwester die sich wirklich sehr um Frau Engel bemüht. Sie wäscht sie sehr gründlich, frisiert sie, redet viel mit ihr, zieht ihr ein neues Hemdchen an, denn eigene Klamotten hat Frau Engel immer noch nicht.  Sie schneidet ihr das Essen klein und holt sie endlich einmal aus dem Bett, setzt sie in einen Stuhl damit sie etwas gemütlicher Essen kann. Und das scheint Frau Engel sehr zu gefallen, denn zum ersten Mal isst und trinkt sie sogar recht gut. Als ihr Becher ein wenig weg rückt, setze ich mich zu Frau Engel und reiche ihn ihr immer mal neu oder frage sie ob sie noch einen Haps essen mag. Sie lächelt mich an, und greift tatsächlich nochmal zum Kaffeebecher und einem Joghurt. Ich bin sehr glücklich. Ich kenne diese Dame nicht, aber sie scheint es zu mögen wenn sich jemand wirklich um sie kümmert. Dass ist wohl das was sie wirklich braucht: ein kleines bisschen Aufmerksamkeit.

Es geht auf den Mittag zu, der Arzt kommt und gibt uns unsere Entlassungsbriefe. Inge und ich verabschieden uns herzlich vorneinander, wir drücken uns noch einmal und versprechen uns, uns bald auf einen Kaffee zu treffen.

Dann gehe ich zu Frau Engel ans Bett und verabschiede mich auch von ihr. Mir ist ein bisschen schwer ums Herz weil ich nicht weiß wie lange sie noch alleine bleiben muss und ob ihre neuen Bettnachbarn auch bemüht um sie sind.
Sie schaut mich an, direkt in die Augen - lächelt - und sagt:
"Schade das sie gehen dürfen.".

Das war das einzige Mal wo ich sie sprechen hörte. Aber es hat mich sehr ergriffen und ich drehe mich schnell um damit sie meine Tränen nicht sieht.

Frau Engel wird mir wohl noch eine ganze Weile in lieber Erinnerung bleiben.

Freitag, 15. Juni 2018

Kleiner großer Scheisser

Kleiner Scheisser schimpfe ich ihn nun.
Irgendwie finde ich den Namen passend !

Mittwoch bringe ich meine letzte Schicht für diese Woche hinter mich.
Da ich eh schon leicht gereizt bin, müssen auch meine Kollegen ausnahmsweise mal als Prellbock herhalten ! Schadet ihnen nicht !
Denn wie üblich, zwar wurde ich diesmal immerhin gefragt, könnte ich ja mal wieder länger arbeiten.
Ich verneine und dränge auf einen planmäßigen Feierabend.
Eine Stunde nach dem eigentlichen Feierabend kommt meine Kollegin auf mich zu, da stehe noch Arbeit, wenn sie erledigt sei könne ich dann gehen.
Und plötzlich kommt ein wenig Starrsinn in mich.
Meine klare Ansage:
"NEIN- Dafür das ich gesagt habe ich kann nicht länger bleiben, bin ich aber schon wieder recht lange da"
Sie schaut mich verdutzt an - 5 Minuten später habe ich Feierabend.
Na bitte geht doch.
Kurz danach fetzen wir uns nochmal ein bisschen, denn auch ich habe echt mal so richtig die Schnauze voll. Ich sage ihr dass wir ALLE keine Lust mehr haben wirklich JEDE Schicht länger zu arbeiten, dass wir auch ein Privatleben haben. In welchem wir unsere Termine um die Arbeit basteln und trotzdem vieles davon durch die Mehrarbeit nicht einhalten können.
Ja sie wisse dass ich dauernd immer früher komme und länger bleibe und nein sie sei mir nicht böse das ich nun mal etwas lauter wurde. Was sie wirklich denkt geht mir eigentlich meilenweit vorbei, dass sie sich, wenn ich die Tür hinter mir geschlossen habe, vermutlich beschweren wird ist mir auch total gleichgültig.
Erstens habe ich nun ein paar Tage frei , zweitens habe ich gerade andere Sorgen.

Ich fahre heim, bereite das Essen vor und warte auf Caro.
Wir wollen uns nochmal sehen ehe ich am nächsten Tag zu meinem Termin muss.

Es klingelt an der Tür und sie steht dort mit einer kleinen Überraschung.
Eine Krankenhausnotfalltasche. Prall gefüllt mit Naschi, Säften, Kosmetika, vielerlei guter Dinge und Socken :o) Falls der Winter wiederkommt. Man weiß ja nie.
Jedenfalls freue ich mich sehr über diese Tüte, denn die Idee an sich ist wirklich zauberhaft und man sieht dass es alles mit Herz ausgesuchte Dinge sind.

Wir essen gemeinsam, schwelgen in Erinnerungen, lästern über die Arbeit und verbringen ein paar wundervolle Stunden miteinander.

Am Abend bin ich alleine denn der Liebste hat Nachtschicht. An Schlaf ist nicht zu denken, auch wenn ich hundemüde bin, wälze ich mich hin und her, und die paar Minuten die ich dann mal schlafe, träume ich so bescheuert dass ich nimmer schlafen mag. So stehe ich um 4:00 Uhr wieder völlig übermüdet auf.

Der Liebste kommt kurz darauf aus der Nachtschicht, wir trinken gemeinsam Kaffee und dann starten wir zum CT Termin. Dort angekommen freue ich mich dass wir eine gute halbe Stunde zu früh dran sind. Mit Chance kämen wir vielleicht ja sogar früher dran- so mein Gedankengang. Leider war dem nicht so. Die Absprache zwischen Radiologen und meinem behandelnden Arzt war nicht sonderlich gelungen. So sitze ich noch ganze 4 Stunden umher , trinke anderthalb Liter Kontrastmittel und harre der Dinge die da kommen.
Von Minute zu Minute werde ich unruhiger und nervöser, mein Magen hängt auf halb acht, und die Gedanken purzeln.

ENDLICH bin ich dann kurz vor 12:00 Uhr auch an der Reihe. Das CT an sich geht schnell...eigentlich war nur eins geplant, doch dann schießen sie nochmal Kontrastmittel nach und ich muss 10 Minuten später nochmal durch die Röhre. Das gab mir schon zu denken. Die freundliche Schwester betreibt kurz ein bisschen Smalltalk mit mir und bittet mich dann draußen Platz zu nehmen, sie gibt mir dann meine Bilder raus und danach kann ich gehen.
Doch dann kommt es ganz anders.

Ich werde aufgerufen, aber anstatt mir eine CD zu geben, bittet sie mich in einem anderen Wartebereich Platz zu nehmen, und ja ich solle den Liebsten mitnehmen.
15 Minuten Wartezeit können einem wie eine Ewigkeit vorkommen. !!!
Endlich öffnet sich die Tür zu Arztzimmer, der Arzt kommt raus - zwinkert mir zu und läuft zu einer anderen Behandlung ! Ist das nun sein Ernst ? Tatsächlich muss ich nochmal 10 Minuten warten - meine Nerven liegen blank.
Dann endlich werden wir in sein Zimmer gebeten. Auf seinem Monitor meine CT Bilder.
Die gute Nachricht zuerst, die Lunge , Leber, Niere etc sind sauber
Dann die schlechte Nachricht: der kleine Scheisser ist definitiv da und hat nochmals an Größe zugelegt. Nun ist er nicht nur in der Blase sondern auch außerhalb der Blase befindet sich nun etwas. Der Arzt sagt dabei handelt es sich aber um eine Zyste oder eine Gewebewucherung. Einen Tumor an dieser Stelle schließt er erst einmal aus. Das Teil IN der Blase ist allerdings tatsächlich ein mieser kleiner Scheisser daran gibt es keinen Zweifel mehr.

Relativ nüchtern nehme ich diese Nachricht entgegen, wobei schon deutliche Freude in mir ist das keine benachbarten Organe betroffen sind. Das war so ziemlich meine allergrößte Sorge.

Der Arzt verabschiedet sich freundlich von mir und wünscht mir für die bevorstehende Operation alles Gute.

Wir verlassen das Zimmer, und der Liebste nimmt mich erst einmal fest in den Arm und freut sich diebisch dass bisher nichts gestreut hat. Ich kann seine Freude einerseits verstehen, anderseits aber nicht teilen. So ergeht es mir bisher mit allen Menschen die es wissen. Alle freuen sich wahnsinnig das nichts gestreut hat, und der Tumor auf einen Fleck begrenzt ist. ABER...es ist ein Tumor ! Es ist mein Feind. Vielleicht habe ich ein verzerrtes Bild, aber neben all der bisherigen Erleichterung mischt sich trotzdem bei mir wahnsinnig viel Angst ein.

Ich habe mich nun in einem professionellen Forum und Seiten von Urologen schlau gemacht. Der Feind sitzt in meiner Blase, wird am Mittwoch entnommen, und dann eingeschickt ins Labor. Und erst dann wenn er untersucht wurde kann man sagen, um welche Art Tumor es sich handelt, ist er aggressiv, ist er "harmlos" , hat er schon die Blasenwand angegriffen, wächst er schnell, langsam, breitflächig, zentral etc. All diese Dinge kommen erst noch auf mich zu. 
Ich weiß dass ich nun alle drei Monate zur Blasenspiegelung muss, das der geplante Eingriff am Mittwoch nicht ohne Risiko ist, dass dieses Mistdrecksteil zu gerne zu Rezidiven neigt. Dies konnte ich dann auf der Urologenseite meines Krankenhauses in dem ich behandelt werde entnehmen. Da kommt noch ein bisschen was auf mich zu.
Mir fällt es gerade sehr schwer die Freude zu empfinden die mein Umfeld empfindet.

Nichts desto trotz genieße ich nun noch die Zeit bis ich Dienstag im Krankenhaus einrücken muss.
Ich versuche schwere Gedanken auf die Seite zu schieben und die wenigen schönen Dinge zu tanken.

Ich habe mir fest vorgenommen mich nicht von dem kleinen Scheisser beherrschen zu lassen und erst recht nicht wieder in eine Schockstarre zu verfallen.

Ich kämpfe !

Sonntag, 10. Juni 2018

Jetzt erst recht...

Lass es krachen, sagt meine Kollegin und gleichzeitig auch beste Freundin zu mir.
Es gibt nur eine handvoll Menschen die um die aktuelle Lage wissen.

Lass es krachen, sagt sie, und schreibt mir wenig später noch eine WhatsApp ich soll mein Leben genießen. Und eigentlich hat sie recht. !

So sitze ich gestern Abend auf einer Hochzeitsfeier, genieße das gute Wetter, bekomme Gänsehaut und Tränen bei der wunderschönen Traurede und futtere wie eine halb Verhungerte Spanferkel vom Grill und genieße dazu außerdem seit Monaten mal wieder 3 Cola Bier und 4 Kurze. Ach was solls.
Und tatsächlich kann ich für einen Moment einfach mal vergessen. Das fühlt sich gut an !

Heute überraschen wir einen lieben Freund. Während ich um Mitternacht, nach der Hochzeitsfeier,  noch Kuchen backe, wächst schon ein bisschen Vorfreude auf heute. Unsere Freunde sind zum Urlaub an der Küste, er hat heute Geburtstag und denkt wir wüssten es nicht. Da hat er aber tüchtig falsch gedacht. Meine Schwägerin und ich hecken gemeinsam mit seiner Frau den Plan aus dass wir uns alle bei meiner Schwägerin treffen. Ich bringe den Kuchen mit, meine Schwägerin sponsert Kaffee und Sitzplätze und eine weitere Freundin besorgt noch eben eine sehr schöne Geburtstagskarte. Und so wird unser Freund unter einem Vorwand zu uns gelockt.
Seine Freude ist groß , die Überraschung ist gelungen.
Wir verbringen einen gemütlichen Nachmittag bei meiner Schwägerin und danach gehen wir noch alle gemeinsam zum Essen in ein nahe gelegenes Restaurant.
Ein unbeschwerter schöner Tag mit lieben Menschen den ich einfach genießen kann.

Lass es krachen hat sie gesagt.
Und ich werde diese Woche noch voll auskosten habe ich mir fest vorgenommen.
Tatsächlich habe ich es auch mal geschafft meinem Chef zu sagen dass ich außer dieser einen kurzen Schicht Mitte der Woche nicht mehr arbeiten werde. Mir bleibt somit eine Woche um alle Termine in Ruhe abzuarbeiten und noch Dinge zu tun die mir Spaß bringen.
Seelische Vorbereitung auf das was da noch auf mich zukommt und mir Angst macht.

Jetzt erst recht ! 

Mittwoch, 6. Juni 2018

Und schon wieder Juni

Der Monat Juni und ich , wir werden einfach keine Freunde in den letzten Jahren.
Bis auf Ausnahme des letzten Jahres, lag ich die letzten 4 Jahre immer zum Juni im Krankenhaus und wurde operiert.

So auch dieses Jahr.
Der Anruf aus der Klinik kam vor einer Stunde.
Am 19.06 beziehe ich mein Zimmer und am 20.06 ist der erste OP Termin angesetzt.

Ich habe Angst !

Kann mal einer die Welt anhalten ?


Kann mal einer kurz die Welt anhalten ?
Ich möchte aussteigen...ich kann das alles nimmer !


Ein Arzt der mir nach dem Ultraschall über die Wange und den Arm streicht und mir sagt
"Darüber reden wir dann nach der anderen Untersuchung noch"
Das was da war, ist nun noch deutlicher sichtbar und innerhalb von 5 Wochen breit flächig gewachsen.

Kurz darauf eine Zystoskopie die nun keinen Zweifel mehr lässt. Ein Arzt der daraufhin nicht mehr ganz so zu Scherzen aufgelegt ist wie noch 15 Minuten zuvor.

Ein Anruf vom Arzt noch aus der Praxis mit dem Hinweis "Dringend" in der Radiologie des nahe gelegenen Krankenhauses. Nächsten Donnerstag geht es eigentlich nur noch darum ob "ER" schon ins Muskelgewebe gezogen ist oder andere Organe angreift.

Eine Operationsaufklärung wie genau "ER" beseitigt werden muss. 

Ein trauriger Arzt der mich an den Händen hält während ich hemmungslos weinen muss, und mich zum Abschied feste drückt. Er sagt ich werde nun seine Stammpatientin. 

Das Warten auf den Anruf aus der Klinik die mir nun ein bis zwei dringende OP-Termine ermöglichen sollen.

Der fassungslos traurige Blick des Liebsten als ich wieder heimkomme und ihm erzähle was los ist.

Das Weinen meiner Mama am Telefon.

Ich fühle mich wie in einem schlechten Film. Jahr um Jahr kommen neue Katastrophen und Jahr um Jahr werden sie noch eine Spur verschärfter ?

Ich kann das alles nicht mehr - wo bleibt noch Luft zum Atmen ???

Freitag, 1. Juni 2018

Jubiläum - es fühlt sich gut an !

Vor 10 Jahren sah meine Welt noch ganz anders aus.
Nachdem der Liebste und ich uns entschieden hatten zusammen zu ziehen, musste dringend ein neuer Job her.
Als bis dahin allein erziehende Mutter arbeitete ich nur vormittags an einer Grundschule und konnte mich Mittags immer meinem Kind widmen. Leider war dies nur ein 1 Euro Job, aber immerhin besser als nichts und besser als nur daheim herum zu sitzen.
Ich liebte diesen Job, die Kleinen mit denen ich arbeiten durfte und auch die Lehrer an dieser Schule.
Selbst das frühe Aufstehen und 8 Stunden arbeiten machte mir nichts aus.
Fast möchte ich behaupten das es die beste Arbeitsstelle überhaupt war. Leider sparte die Stadt aber, und sämtliche Bemühungen meinerseits und auch der Direktorin mich dort fest unterzubringen verliefen im Sand. Selbst nachdem ich weggezogen bin und längst einen Job besaß, schickte ich alle paar Monate mal eine Bewerbung an die Stadt, so sehr fehlte mir diese Arbeitsstelle.

Aber mit dem Umzug wurde mir klar dass ich auch eine neue Arbeitsstelle brauchte. Diesmal sollte es aber kein 1 Euro Job mehr sein, sondern schon nach Möglichkeit eine Festanstellung mit einem wenigstens halbwegs vernünftigen Gehalt und einigermaßen annehmbaren Arbeitszeiten.
So kam es dass ich tagelang die gelben Seiten durchblätterte und 50 Blindbewerbungen an diverse Firmen meines neuen zukünftigen Wohnortes schickte. Tagelang telefonierte ich mir die Finger wund, und nichts tat sich. Mir war aber absolut wichtig dass ich nur dann umziehe wenn unsere finanzielle Zukunft einigermaßen gesichert sei.
Kurz bevor ich schon fast die Hoffnung aufgegeben hatte klingelte eines Tages mein Telefon.

"Wir möchten Sie gerne zu einem Vorstellungsgespräch einladen"
"Ja gleich morgen ? Morgen passt gut, kommen Sie um 12:00 Uhr "

Gesagt getan....am nächsten Tag hatte ich hypernervös das Vorstellungsgespräch und eine Woche später eine Arbeitsstelle. Mit festem Arbeitsvertrag und einem zukünftigem sicheren Gehalt welches sogar meine Vorstellung übertraf.

Und wir haben es gut gerockt. Während den ersten beiden Arbeitswochen bewerkstelligten wir noch nebenbei unseren Umzug. Da der Liebste viel arbeiten musste, fuhren Sohnemann und ich hin und her und schleppten Kisten, renovierten und sortierten uns neu.
Es war keine einfache Zeit, denn seit der Trennung vom Kindesvater war es für uns beide nicht leicht. Aber Sohnemann und ich waren ein Team und haben immer zusammen gehalten, und was mir ganz wichtig war: er war nie alleine. Ich ging vormittags arbeiten und mittags verbrachten wir gemeinsam. Genauso hatten wir immer die Wochenenden gemeinsam. Dies änderte sich dann plötzlich von einem Tag auf den anderen.
Als ich meinen neuen Job anfing wollte ich weiterhin vorerst gerne nur vormittags arbeiten, da wir hier keine Freunde oder Familie hatten und Sohnemann zudem auch eine neue Schule besuchen würde. Mein Arbeitgeber sah das aber recht familienunfreundlich.
"Entweder arbeiten Sie so wie wir das wollen, oder gar nicht".
So kam es dass mein sonst so wohl behütetes Kind von jetzt auf gleich zum Schlüsselkind wurde.

Nach den anfänglichen Sorgen und andauernden Ermahnungen:

"Steh bitte pünktlich auf"
"Der Herd bleibt bitte aus solange ich zur Arbeit bin"
"Lass keine fremden Menschen ins Haus"
"Bitte lass den Hund heute Mittag in den Garten und hole ihn auch wieder rein"
"Bitte iss anständig"
"Bitte trink genug"
"Legst Du Dich bitte schon ins Bett, ich schau dann bei Dir rein wenn ich von der Arbeit komme"
"Oh ich kann nicht zum Elternabend, ich habe Spätschicht"
"Nein zum Vogelschiessen habe ich leider kein frei bekommen"
"Nein Samstag können wir nichts unternehmen, Spätschicht"
"Muttertag haben wir verkaufsoffenen Sonntag- also kein gemeinsames Frühstück"
"Deinen Geburtstag müssen wir nachfeiern, ich arbeite an dem Tag bis 21:00 Uhr"
"Nein in den Ferien habe ich keinen Urlaub"

Ach es gibt so unendlich viele Dinge die für uns neu und neu zu lernen waren, und trotzdem haben wir es gerockt, sind eine Einheit geblieben und heute schaue ich stolz zurück und bin stolz auf meinen Sohn und auch ein wenig auf mich.
Am Meisten aber doch auf meinen Sohn denn er musste viel entbehren und trotzdem ist aus ihm ein anständiger, fleißiger und großartiger junger Mann geworden !

Blut, Schweiß und Tränen und trotz aller Widrigkeiten, Hürden und Entbehrungen bin ich heute auf den Tag 10 Jahre in diesem Unternehmen !

Geschafft : Ein weiterer Meilenstein.