Freitag, 7. September 2018

Zeitraffer II

Donnerstagnachmittag werde ich an Tag 38 also ENDLICH entlassen.

Daheim angekommen fühlt sich alles so anders an. Mit der Wunddrainage im Körper kann ich mich nicht bewegen wie ich gerne möchte. Selbst unser Ehebett ist nun anders. Wir mussten die Bettseiten tauschen da ich mit dem künstlichen Blasenausgang nimmer auf der rechten Seite schlafen kann. Alles so Dinge die uns vorher nicht bewusst waren. Unser Leben / mein Leben ist in einigen Bereichen nun doch anders geworden und ich muss mich erst einmal rein finden. 
Bei den kleinsten Anstrengungen merke ich sofort dass ich völlig konditionslos bin. Zudem bin ich von 0 auf 100 in die Wechseljahre gekommen weil sie mir während der OP nun doch alles entnehmen mussten was Hormone produziert. 
Dieses von 0 auf 100 setzt mir ebenfalls ganz gut zu. In einem Moment habe ich Winter und im nächsten Hochsommer. 

Mein Körpergefühl passt zu meiner mentalen Stimmung. Mal so mal so ! 

Freitags telefoniere ich mit dem Urologen in der Nachbarstadt. Es geht um die Wunddrainage, die muss ja irgendwann mal raus. Zudem brauche ich eine neue Krankmeldung. 
Also nein, Drainage und AU dafür seien sie nicht zuständig , dazu müsse ich zum Hausarzt. 
So mache ich nur fix einen Termin für die Wundkontrolle und danach fährt der Liebste mich zur Hausärztin. Ne, also Wunddrainage ist nicht deren Gebiet, sollte damit was sein muss ich wieder in die Klinik. Ich bin genervt von diesem Hin und Her ! 
Immerhin bekomme ich noch etwas Kochsalzlösung und Spritzen mit und kann somit im Notfall auch selber die Drainage anspülen. Wundverband und Desinfektion für den Verbandwechsel , den muss ich nämlich auch selber machen, auch dafür fühlt sich keiner zuständig. !

Den Rest des Tages sowie das Wochenende verbringe ich auf der Couch, umringt von drei Plüschpopos die mich sehr vermisst haben müssen, so kuschelbedüftig ist die Bande. 

Sonntag lässt mich die Drainage trotz mehrmaligem Anspülen im Stich und bleibt trocken. Da ich aber relativ beschwerdefrei bin, versuche ich erst einmal nicht in Panik zu verfallen. 

Montag soll ich zum Urologen. Wundkontrolle. Alles was ihn interessiert sind lediglich meine Nieren. Die sind aber sauber und arbeiten hervorragend. Freitag soll ich wiederkommen, zur Wunddrainage äußert er sich nicht wirklich. Ich soll halt nochmal den Beutel wechseln und neu anspülen.

Danach bummeln der Liebste und ich durch die Stadt. Alles ganz gemächlich und im Schneckentempo. Ich brauche dringend Sporthosen. Durch den künstlichen Blasenausgang und meine 20 cm Narbe quer durch die Bauchdecke, kann ich mich nun zukünftig von meinen geliebten Jeans verabschieden. Es ist wie es ist. 
Zum Optiker müssen wir auch noch, irgendwie kann ich immer schlechter sehen, und nach dem Sehtest wird uns dann auch schnell klar das ich eine neue Brille brauche. Danach gönnen wir uns noch ein leckeres Kaffeetrinken im Cafe am Marktplatz und dann muss ich heim, ab auf die Couch, ich bin so richtig platt. 

Dienstag befolge ich den Rat meines Urologen. Drainage neu anspritzen. 50 ml Kochsalzlösung. Es fließt in meinen Körper aber nimmer raus. Shit !  2 Stunden später bekomme ich Schmerzen und ach verdammt: Fieber ! Trotzdem bleibe ich erst einmal relativ ruhig. 
Die Nacht aber ist die Hölle, Schmerzen und Fieber und ich habe ein Déjà-vu und ausgeprägte Panikattaken.

Mittwoch lässt es sich nicht mehr aushalten, ich packe meine Notfalltasche und wir fahren in die Klinik. Ich bin relativ schnell dran und werde von dem Arzt behandelt der mich auch mit operierte. Er nimmt sich alle Zeit, macht einen ausführlichen Ultraschall und beruhigt mich: Flüssigkeit kann er keine sehen, er zieht also die Drainage raus, woher die Schmerzen kommen kann er sich aber auch nicht erklären. Wir plaudern ein wenig nebenbei und er fragt wie ich die Tage daheim verbracht habe. Ich erzähle ihm von den Arztbesuchen und dem Stadtbummel. 
Hätte ich man lieber die Klappe gehalten....
Denn dann bekomme ich einen verbalen Einlauf von ihm der sich gewaschen hat.
Ob mir eigentlich bewusst sei wie krank ich wäre, dass ich eine der schlimmsten urologischen Operationen hinter mir hätte die es wohl gibt. Ob mir nicht klar wäre dass ich mich schonen soll / muss. 
Ich bin ein wenig angepickt und reagiere auch dementsprechend leicht gereizt. Wenn die Physio mich im Krankenhaus schon über die Flure scheucht und mich Treppen laufen lässt und mich dazu verdonnert mich viel zu bewegen, dann werde ich ja wohl auch einen kleinen Bummel im Schneckentempo machen dürfen. 
Er ist sichtlich entgeistert und sagt mir wenn er das mitbekommen hätte dann hätte er mir und der Physio die Ohren lang gezogen.
Treppen sind für mich die nächsten Wochen absolut verboten. Kleine leichte Spaziergänge sind erlaubt, aber keine Shoppingtouren mit Treppen laufen und hier und da mal bücken. Viel liegen , wenig sitzen. Ebenso darf ich nicht über allerhöchstens 5 KG heben. (Ups...Der Kater wiegt ja schon 7 KG) Er sagt für mich sind die nächsten Monate Schonung angesagt und ich solle mich darauf einstellen dass es eine Heilphase zwischen 6 - 9 Monate bedarf. Ich habe 30 offene Wundstellen in meinem Unterleib die erst einmal gescheit verheilen müssen. Mein überwiegender Aufenthaltsort soll in der nächsten Zeit die Couch sein. 

"Schalten sie endlich mal runter Frau Deichkind !"
Mit diesen Worten entlässt er mich !

Daheim packe ich mich auf die Couch, Fieber und Schmerzen sind meine Begleiter. Mal mehr mal weniger. Am nächsten Tag wissen wir endlich warum. Die haben auch am Darm operiert und dieser spielt mal wieder Diva und hat sich entzündet. Also Diät und Schmerzmittel. Ich weiß nicht ob ich lachen oder weinen soll. Trotz allem bin ich doch erleichtert dass es diesmal nicht von der Drainage kam. Freitag hat der Urologe nochmals ein Blutbild gemacht, sämtliche Werte sind wieder einmal durcheinander und keiner so wie er sein soll. Letzten Montag erneute Kontrolle. Die Schmerzen werden aber endlich besser und auch die Diva scheint sich endlich zu beruhigen. 
Kommenden Montag nochmals Ultraschall und Blutkontrolle und am Dienstag fahre ich nun doch zur Reha. 

Um es mit Gaby Kösters Worten zu beschreiben:

"Ein Schnupfen hätte auch gereicht"

Kommentare:

  1. Liebe Frau vom Deich, ich bin noch nicht dazu gekommen, auf Deinen letzten Post zu schreiben - und heut kommt nun schon der zweite :)
    Wenn ich Deine Zeilen lese, denke ich immer so viel, aber das aufzuschreiben.. gelingt mir irgendwie nicht.
    Es ist echt wirklich schön, von Dir zu lesen, und ich wünsch Dir ganz von Herzen, dass all die Wunden in Dir und an Dir gut heilen mögen, dass das alles gut wird für Dich. Das wünsche ich Dir wirklich sehr.

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  2. Puuh, da wird mir vom Lesen schon schummerig, und du hast das alles durchmachen müssen..
    Bitte höre auf deinen Körper, und mach´ es dir ,so gut es geht ,auf der Couch gemütlich.
    Ich hoffe, die Reha tut dir gut, nicht, dass es da so läuft wie mit der Physio im KK..
    Liebe Grüsse , Silke

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  3. Da fällt mir spontan nur der schlaue Satz "Ach du Schei..e" ein!
    Ich drück die Dauemn und wünsche nur das Beste!!!!

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  4. Unbekannterweise Liebe Grüße!
    Was die Klamotten betrifft: Ich geh davon aus, das Dir die ganze Geschichte ein Urostoma beschert hat?
    Hast Du schon mal beim Stoma - Forum geschaut? Dort ging es schon öfter mal darum, bei Vielen war nur in der Anfangsphase andere Kleidung nötig, manchmal normalisierte sich das später. Deine OP ist ja noch nicht so lange her....

    Alles Gute!

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  5. es fällt mir schwer das zu lesen. ich wünsche dir gute besserung und alles erdenklich gute.

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