Mittwoch, 31. Oktober 2018

Ich beneide Dich um die Ruhe

"Du hast es gut, Du bist über die stressigen Feiertage daheim"
"Ich beneide Dich um die Ruhe"

Nicht selten höre ich diesen Satz und er endet immer bei mir mit einem innerlichen Kopfschütteln.

Ich weiß dass diese Sätze unbedacht ausgesprochen wurden, trotzdem treffen sie mich.
Zu welchem Preis habe ich nun diese Ruhe ? Was glauben meine Mitmenschen was ich hier daheim mache ? Jeden Tag Kaffeekränzchen und das Leben genießen ? Das mir die Sonne aus dem Po scheint und es mir so richtig lustig geht ?

Mir fehlen wichtige Teile meines Körpers. Mein Körper kommt mit dieser plötzlichen Hormonumstellung überhaupt nicht klar. Wechseljahre sind ein Ar*** ! Schmerzen sind ätzend.
Schlaflose Nächte, mehr als 5 / 6 unruhige Stunden pro Nacht sind seit der OP nimmer möglich. Fast jede Nacht habe ich Albträume.
Verwirrende Angst einflößende Träume, aus denen ich schweißgebadet, und manchmal weinend hochschrecke und dankbar bin wenn der Liebste mich mitten in der Nacht kurz in den Arm nimmt. Auch seine Nächste sind durch mich gestört. 
Mitten in der Nacht werde ich wach weil das Stoma drückt und schmerzt oder ich mich wieder einmal beim Umherwälzen in den Schläuchen verheddert habe.
Mitten in der Nacht werde ich wach weil mich Panikattaken im Schlaf überfallen.
Das Herz rast, mir ist schlecht und an Schlaf ist nimmer zu denken.
Ich bin seit der OP dauermüde und unausgeruht.

Und ich falle in alte Muster zurück. Sage Verabredungen kurzfristig ab, gehe nicht ans Telefon, meide Besuche, und mir fallen erfolgreich 1000 Ausreden ein um daheim bleiben zu können. 

Der Liebste sagt "Du musst mehr raus". Ich weiß dass er recht hat, aber ich fühle mich wie gelähmt. Gestern morgen musste ich ohne den Liebsten zum Hausarzt in die eine Stadt und hinterher zur Krankenkasse in die andere Stadt. Na gut, dachte ich bei mir, danach schaue ich danach noch eben in die Innenstadt denn ich brauche noch diverse Dinge für meine Weihnachtsbäckerei. Aber ich schaffe es nicht. !
Auf dem Weg zwischen Hausarzt und Krankenkasse sitze ich im Auto. Das altbekannte Druckgefühl in der Brust macht sich immer stärker breit, ich bin kurz davor den Wagen abzustellen. Mein Herz klopft bis zum Hals, mir ist schlecht und ich fühle mich unsicher. Aber irgendwie schaffe ich es doch noch die restlichen 20 Kilometer zu fahren. Weil ich es muss
Bei der Krankenkasse angekommen erledige ich schnell die zu regelnden Dinge und dann fahre ich sofort wieder heim. Ohne einzukaufen.
Am Frühstückstisch kommen mir kurzzeitig ohne Grund die Tränen. Der Liebste nimmer mich in den Arm, sagt keinen Ton, denn er weiß dass mir dies auch in dem Moment nichts bringt. Trotzdem hilft mir dieser kurze innige Moment. 

Danach ziehe ich meine Jacke an und fahre noch schnell zur Firma. Die AU abgeben. Dort angekommen steht mein sonst recht kühler Kollege in der Tür. Er schaut mich durchdringend an, fragt wie es mir geht, ich nicke nur kurz, zucke mit den Schultern, und dann macht er etwas was er sonst noch NIE getan hat. Er nimmt mich einfach in den Arm. "Ach Kleine...Alles Schei**e stimmts ? " sagt er.... ja...er hat Recht. Ich könnte schon wieder heulen ! Aber ich nehme mich zusammen, gebe ihm den Wisch, bedanke mich und gehe. Fahre heim und lege mich eine Stunde ins Bett, schlafen kann ich aber trotz der Müdigkeit nicht. 
Ich bin emotional und körperlich erledigt.

Den restlichen Tag verbringe ich in der Küche, erledige das Nötigste im Haushalt und liege ansonsten mit den Plüschpopos auf der Couch. 

Seit heute Morgen um 5:00 Uhr bin ich wieder hoch, weil eine weitere schlaflose Nacht hinter mir liegt. Ich bin müde...hundemüde, ich sehne mich nach richtigem, erholsamen Schlaf und einem geregeltem Leben. Ich würde gerne viel lieber wieder arbeiten gehen, mein eigenes Geld verdienen und mit den Mitmenschen lachen und scherzen und kaputt sein weil ich etwas geleistet habe. Ich möchte keine Angst mehr haben, ich hasse meine Panikattaken, und manchmal hasse ich dieses Leben.

Ich bin müde !!!

Kommentare:

  1. liebes deichkind,
    nachdem was du alles durchgemacht hast, hast du die option dir psychologische hilfe zu suchen. psychologen, die auf onkologische betreuung spezialisiert sind. vielleicht kann dir das ja helfen. menschen die so etwas noch niemals in ihrem leben hatten, können das gar nicht nachvollziehen. und viele sind einfach nur damit überfordert, damit umzugehen. auch dein hausarzt kann dir leichte präparate verschreiben, damit du wenigstens die nächte schlafen kannst und dich erholen kannst. *drückdich*

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    1. Hallo Würfelzucken.

      Meine "nette" Psychologin schrieb mir, als ich im Krankenhaus war, dass ihre Ausbildung vorbei sei und sie nicht mehr weiter praktiziere. Ich habe noch 7 von der Krankenkasse bewilligte Stunden, die bei mir als Härtefall auch weiterhin genehmigt bleiben würden, aber ich muss mir eben einen neuen Psychologen suchen. Das ich an SIE auch nur durch Vitamin B rankam, hat sie leider vergessen. Ich hab morgen eine Untersuchung in unserem Krankenhaus und werde dort mal anklopfen ob sie mir einen guten Psychoonkologen vermitteln können. Leider wohnen wir auf dem Dorf, unsere zwei Nachbarstädte sind klein, und die dort ansässigen Psychologen schon belegt. Da ich nicht immer mobil bin ist es dann eh schon schwer irgendwo hin zu kommen.
      Mitte des Monats habe ich erst wieder einen Termin bei meiner Hausärztin und werde die Schlafstörungen bei ihr ansprechen.
      Danke für den Drücker ! Unbekannterweise zurück von mir ;)

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  2. Hallo, Deichkind,
    was du in den letzten Monaten mitgemacht hast, muss auch seelisch verarbeitet werden,und das braucht seine Zeit. Da bin ganz bei Würfelzuckers Beitrag, hol dir soviel Untersstützung, wie nur geht.
    Nur so ein Gedanke: vielleicht nützen dir für den Anfang Atem- und Entspannungsübungen auf youtube...
    Alles Gute, Silke

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    1. Hallo Silke.

      Ich dachte eigentlich ich wäre stärker. Solange ich genug um die Ohren hatte, klappte das auch gut. Vermutlich war es aber wieder nur dieses Verdrängen was einzig und alleine wirklich eine Weile funktionierte. Außer Nachts....da will alles raus aus mir. Und so kann es nicht weitergehen. Hab auch Würfelzucker schon geschrieben dass ich mir Hilfe holen werde, denn da kommen noch etliche Berge auf mich zu. Und ich habe das Gefühl keine Luft mehr zu bekommen.
      In der Reha haben wir Museklentspannung nach Jacobsen gemacht. Ebenso diverse Atmenübungen. Die helfen mir über Tag einigermaßen, nur eben in der Nacht nicht. :(

      Liebe Grüße von der Küste

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  3. Das sind genau die Kommentare die keiner brauchen kann. Kommt so ähnlich wie bei mir - ach du hast es gut, du musst ja keine Überstunden arbeiten - ich hab 50%SB kann sie gerne haben...

    Ich wünsche Dir dir viel Kraft, Durchhaltevermögen um alles zu schaffen. Es ist eben nix mehr wie vorher. Und ich hasse ätze wie "da wird schon", "du schaffst das" -
    es kann einfach keiner verstehen.

    LG
    Ursula

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  4. Diese unbedachten Sätze ... ja ...
    - Als ich vor vielen Jahrn einige Tage heftigste Panik schob, weil 2 Labore meinten, bei meinem Baby-Kind Krebs festgestellt zu haben, erwiderte eine Freundin, sie selbst wäre so frustriert, da ihr Handy runtergefallen und nun kaputt sei ... - da guckte ich auch etwas sparsam ...

    Ich wünsche Dir nur das Beste!!!

    LG
    Gunda

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