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Freitag, 13. Juli 2018

Der Kaffee schmeckt heute nicht

Aufzuwachen und sich zu fragen ob man noch schläft oder wach ist , wer kennt es nicht.

Aber aufzuwachen und sich zu fragen ob man noch lebt oder vielleicht doch schon tot ist,
ein echt richtig beschissenes Gefühl :( Ich bin gerädert. Schlaf ohne Erholung. Heute bin ich wackelig. Der Kaffee schmeckt mir nicht und irgendwie störe ich mich gerade selber. 

Die Nacht war sehr unruhig. Vielleicht lag es auch an so vielen Dingen die mich gerade beschäftigen.
Gestern Abend musste der Liebste mit seinem Chef telefonieren. Ich darf im Moment nicht alleine bleiben da wir nie wissen wann es wieder kritisch wird und ich somit umgehend in die Klinik muss. (Einzelheiten dazu erspare ich euch weil - nicht schön - nicht appetitlich . Punkt

Als er mit den ersten Sätzen erzählt was gerade Phase ist kribbelt es schon leicht in meinem Magen.
Als ich ihn dann aber sagen höre:
"Stell Dir das Schlimmste vor und pack noch eine Schippe drauf" brechen meine Dämme.
Denn mein sonst so taffer und stabiler Liebster hat eine ebenso große Angst wie ich. Alleine seine Tonart während er telefoniert bringt mein Herz zum Beben. Ich kann ihm diese Angst nicht nehmen :(
Und ehe ich mich versehe gehen meine Schleusen auf und ich muss mal eine Runde fürchterlich abheulen. Aber nur kurz, dann habe ich mich wieder gefasst. Nase putzen, Krone richten, Kopf hoch - weiter geht es. 

Ich hab im Leben nicht so arg viel erreicht. Ich war aus der Kategorie : Kind zu verschenken, wenn mein Sohn nur annähernd so schlimm gewesen wäre wie ich, hätte ich ihm die Hammelbeine lang gezogen. Aber sowas von !
Ich bin nur gelernte Einzelhandelskauffrau und habe weder ein Haus gebaut noch mehr als ein Kind lebend bekommen. Ich fluche, benutze böse Wörter, streite auch gerne mal aus Lust und Langeweile, vertrage mich aber genauso gerne wenn ich mit jemanden im Klintsch liege. Schminken finde ich ok, reicht aber wenn es nur zu besonderen Anlässen ist. Klamotten müssen adrett aber bequem sein, Schuhe besitze ich nur wenige und die sind meist sportlich und Handtaschen finde ich absolut grauenvoll. Dafür habe ich einen Nagellacktick und meine Fingernägel mache ich seit geraumer Zeit dezent selber. Ich bin vernarrt in meinen Liebsten und meinen Sohn und meine 3 Plüschpopos, liebe gute Musik von A-Z, und gegen gutes Essen, vor allem Richtung Fleisch, habe ich leider niemals etwas einzuwenden.  Zudem finde ich das Gemüse und Pommes eigentlich nur zu Dekozwecken dienen. 

Alles in allem bin ich zwar eine Frau, aber keine Püppi 
und in erster Linie bin ich MENSCH.

Aber hey....ich bin seit 3 Jahren Admine einer Facebookgruppe unseres schönen Kreises ;) 
Immerhin.... :) 

Zurück zum Thema.
In der besagten Gruppe ist mir auf Grund der letzten Wochen einfach schlichtweg entgangen das unser Titelbild immer noch ein Winterbild mit Schnee und Eis ist. Mitglieder die hinzugefügt werden wollten, mussten leider sehr lange auf eine Bestätigung warten, und generell habe ich mich dort sehr rar gemacht. Nachdem gestern dann mal eine "Beschwerde" in mein Postfach flatterte, sah ich mich genötigt eine kleine Stellungnahme zu schreiben. 
Ich habe nicht geschrieben was genau los ist, nur eben dass ich derzeit eben gesundheitlich verhindert bin, mir ein 3 wöchiger Krankenhausaufenthalt bevorsteht, danach die Reha, und einige Dinge einfach eben länger brauchen.  Sie möchten bitte ein bisschen nachsichtig sein. Viele gute Wünsche erreichten mich und durchweg nur Verständnis. Die Menschen die über die Diagnose Bescheid wissen, schrieben sehr herzliche Sätze aus denen hervorgeht dass es sich eben nicht nur um einen Schnupfen handelt. (obwohl mir dieser eindeutig lieber gewesen wäre)
Einige Reaktionen in mein Postfach haben mich aber auch erschüttert.

MH schrieb mir, sie sei letzte Woche im Krankenhaus gewesen. Brustkrebs mit 49. F**k Dich Krebs. Es ist so ungerecht ! Bisher sagen die Ärzte dass sie mit einer Strahlentherapie davon käme. Sie kämpft und hofft. Ich kann ihr gerade so arg nachempfinden. 

MB schrieb mir...wenn wir irgendwas bräuchten sollen wir uns bitte melden. Egal ob es wegen der Plüschpopos sei, oder weil wir jemand zum Reden bräuchten. Wir alle zusammen haben gerade ihre beste Freundin beerdigt und trotzdem hat sie die Kraft für uns da zu sein. Welch eine Größe !

Und da kommen wir zu dem Punkt der mich auf der einen Seite sehr wütend macht aber dennoch auch einfach nur schmerzt.
In dieser besagten Gruppe ist auch meine ehemals beste Freundin. Ich habe zwar viele Bekannte, aber zu wirklichen Freunden zählte ich nur A. und Caro. Caro ist seit der Diagnose (und auch vorher schon) immer für mich da, wir lachen und weinen gemeinsam, sind eben füreinander da wie es unter Freunden auch sein sollte.

A. lernte ich vor einigen Jahren kennen. Wir hatten die selben Ansichten was Familie, Kinder und generell das Leben betrifft. Wir hatten die selben Ansichten was Ehrlichkeit, Vertrauen und Loyalität betrifft. Wenn es einer von uns schlecht ging war die andere sofort zur Stelle. Über viele Jahre hinweg. Wir feierten manch feuchtfröhliche Party und telefonierten miteinander und trafen uns oft und sehr regelmäßig. Caro war mit im Boot, und wir waren ein wunderbares Dreiergespann und auch der Rest unserer Familien verstand sich perfekt miteinander.
Bis letztes Jahr.
Ich weiß bis heute nicht was A. so veränderte. Ihr Partner wurde krank, seine Firma ging in Insolvenz, und wer Kinder hat weiß wie teuer ein Leben sein kann. Caro und ich haben nicht eine Sekunde drüber nachgedacht und einfach geholfen. Finanziell und materiell und auch emotional. Viele Stunden und Wochen haben wir sie getröstet, Tränen getrocknet, und gemeinsam versucht zu helfen so gut es ging. So ist das eben unter Freunden. Dachten wir !

Dann kam mein Herzinfarkt und ein paar Wochen darauf der Tot meines Schwagers. Die eigenen Prioritäten im Leben verschieben sich nach solchen Ereignissen.
Wir trafen uns nicht mehr so oft, denn man merkte das A. mit dem Thema Tod , Trauer und Krankheit nicht umgehen konnte. Mir war zu diesem Zeitpunkt dann auch nicht mehr nach Feiern und Trinken und Jubeln, zumal ich böse am Verdrängen litt. Alles was ich bis dahin auf die Seite lächelte, holte mich mit einem Schlag ein, ich verfiel in eine böse Depression und kämpfte mit Panikattacken und meiner täglichen Angst. Mein Leben bestand eine Weile aus Tagesklinik und daheim sein. Mehr war mir nicht möglich. Zudem steht meine Familie an oberster Stelle in meinem Leben, und die brauchte mich , genauso wie ich sie brauchte. Da war nicht mehr viel Zeit für andere Dinge.

Also grenzte A mich immer mehr aus, rief nimmer an, kam nicht mehr vorbei und zog sich von mir immer mehr zurück und traf sich nur noch mit Caro. Aber auch bei Caro spielt das Leben oft derbe Streiche und auch sie hat ihr Päckchen mit sich zu tragen. Und so erging es Caro dann letztendlich wie mir. Sie stand plötzlich ohne A. da. Von der einstigen Hilfe kam nichts zurück. Wir standen beide vor einem riesen Fragezeichen. Trotz mehrfacher Nachfrage was los sein, sie könne mit uns reden, so wie wir es immer getan hatten, kam einfach schlichtweg nichts mehr ! Pure Ignoranz. Wir haben irgendwann aufgehört uns zu bemühen und gedacht es renkt sich wieder ein. Vielleicht braucht auch alles nur seine Zeit.

Nun lag ich vor 4 Wochen das erste Mal im Krankenhaus. In meinen WhatsApp Status postete ich ganz bewusst mein Krankenhausbändchen und schrieb:
Ich könnte jetzt mal etwas Halt gebrauchen. (Ja ich weiß...Männer werden an dieser Stelle vermutlich den Kopf schütteln, Frauen sind halt manchmal merkwürdig ;) )
Aber ich machte dies ganz bewusst. Und dann passierte genau das was ich mir gewünscht hatte.
A. schrieb mir und fragte was los sei. Ich schrieb ihr in kurzen Sätzen von dem kleinen Scheisser. Wir schrieben ein wenig hin und her und zum Abschluss schrieb ich noch dass ich sie vermisse und mich gerne nach der Klinik auf einen Kaffee mit ihr treffen wollte. Ja das würden wir unbedingt machen schrieb sie mir zurück.
Das war das Letze was ich von ihr las.

A. ist auch in dieser Gruppe...A. ist dauerhaft online und hat immer das Handy in der Hand, also hat A. auch diesen Text gelesen, die Reaktionen gesehen. Sie weiß also dass es wohl etwas ernster bei mir ist. Trotzdem hat sie sich nicht gemeldet.
Nicht einmal kam in den letzen Wochen wenigstens mal die Frage wie es mir geht. Ob ich alles gut überstanden hab. Einmal die Woche kommt sie auf unseren Hof, leiht sich unseren Hänger aus, bringt die Zeitung, und dann den Hänger wieder zurück. Nicht einmal hat sie geklingelt wenn unser Auto auf dem Hof stand. Nicht einmal haben wir Kaffee getrunken und uns vielleicht mal ausgesprochen. Es ist gerade als hätte es sie nie gegeben :(
Und es fühlt sich Scheiße an !

Liebe A. : ich vermisse Dich. !  --- ich vermisste Dich ! 
aber in erster Linie bin ich MENSCH !

Ich werde Dir nicht mehr hinterherlaufen - aber verstehen kann ich Dich auch nicht mehr. Du bist mir fremd geworden.

Mein Kaffee schmeckt mir nicht---und eigentlich könnte ich gerne nochmal zu Bett gehen. Decke über den Kopf, Gedanken abschalten.

Mittwoch, 24. Januar 2018

Der rote Faden.

(Rückblick Nov 2017)

Und immer wieder kommt es zu Ereignissen die mich schier verzweifeln lassen.
WO in aller Welt ist mein einstiges ICH geblieben.

Ausdrucksmalen. Klingt interessant. Durch Gespräche der Mitpatienten höre ich aber dass es wohl sehr "nahe" gehen soll. Wird schon nicht so schlimm werden denke ich noch und betrete den Ergoraum. Dort findet dieses Ausdrucksmalen statt.

Eine kleine Gruppe, nur 5 Leute und die Therapeuten.
Ausdrucksmalen handelt nach einer Therapie von Arno Stern der mit Kriegskindern malte.
Aber nicht einfach nur malen, sondern nach einem gewissen Prinzip.
Fragen Sie mal Tante Google danach...der Mann ist wirklich sehr interessant !
So sitze ich also da, lausche den Worten des Therapeuten und sehe die angespannten Gesichter meiner Mitstreiter. Eine Patientin fängt schon vorher an zu Weinen. Das gibt mir zu denken und macht mir gleichzeitig wieder ordentlich Druck in der Brust. Unangenehme Situationen und Gedanken schlagen sich sofort auf meinen Körper nieder.

Nun, wir richten unseren Arbeitsplatz, stellen unsere Farben und Pinsel zusammen. Während wir alle vor unseren großen Blättern stehen erzählt uns der Therapeut das Thema dieser Stunde.
Und dann geht es los.
Wir lassen einen roten dicken Pinselstrich von Bild zu Bild laufen bis alle Bilder farbig miteinander verbunden sind. Und dann nimmt jeder sein Bild und malt seine Gedanken dazu. Thema also:

Der rote Faden !


Im ersten Moment denke ich mir nichts dabei, nehme den Pinsel zur Hand und will loslegen.

Aber NICHTS passiert. Ich bin starr, bewegungsunfähig, mein Kopf ist leer und irgendwo in mir keimt gerade eine riesengroße Traurigkeit heran. Hallo ? Was stimmt hier denn nicht ?
Ich kenne Traurigkeit - aber nicht in diesem gewaltigen Ausmaß.
Und ehe ich mich versehe bin ich nur noch am Heulen ! Ich kann NICHTS dagegen machen, so sehr ich es auch möchte.
Irgendwann resigniere ich, bemerke lediglich noch das mir irgendwer ein Taschentuch reicht und ich einfach nur noch weine, weine und noch mehr weine....
Ich muss warten bis die anderen ihre Bilder gemalt haben...in der Zeit starre ich aus dem Fenster, mir laufen die Tränen und ich versuche irgendwie zu verstehen was hier gerade geschieht. Aber ich bekomme es nicht zu fassen. Kein Stück, alles was mir noch bleibt um nicht endgültig ein leeres Bild abzugeben...: Ich nehme einen dicken Pinsel, und überstreiche meinen roten Faden ganz unbewusst deutlich schwarz. Das ist also mein erstes Bild...wie "wunderbar" (Ironie) ...ein roter Faden mit dicker schwarzer Farbe darauf !

Nur sehr, sehr schwer kann ich mich wieder beruhigen. Der Therapeut sagt noch zu mir, da schlummert etwas in mir was gerade gehörig zum Vorschein kommt, aber das sei gut !
Aha...ich fühle mich aber ordentlich beschissen. !!!
Nun muss jeder etwas zu seinem Bild sagen. Die, die schon ein wenig länger da sind, haben etwas mehr Lebendigkeit in ihr Bild gezaubert und können es relativ sicher und leicht beschreiben. Da hat es die Damen neben mir schon schwerer, sie hat aber auch noch 3 Wochen Therapie vor sich.
Das Mädel, welches weinend schon vorher den Raum verlassen hat, kommt erst gar nicht wieder, auch sie steht noch ganz am Anfang ihrer Therapie.
Dann kommen wir zu meinem Bild. Eine Mitpatientin soll es beschreiben.
Sie sagt, sie kann an dem Bild nur erkennen dass der rote Faden übermalt ist ab etwa der Hälfte des Bildes und sie das Gefühl hat dass ich meinen roten Faden im Leben verloren habe. Und während sie ihre Beschreibung abgibt fange ich schon wieder mehr an zu Weinen. Denn sie hat recht !!!
Ja verdammt ! Sie hat so recht !

Wo ist mein roter Faden im Leben geblieben ?
wo ist mein Lachen geblieben ?
wo ist mein Mut geblieben ?
wo ist meine Fröhlichkeit geblieben ?
wo ist meine Leichtigkeit geblieben ?
wo ist mein Kampfgeist geblieben ?

All dies ist mir die letzten Wochen abhanden gekommen. Hat sich in ein Nichts aufgelöst.
So beschissen wie ich mich gerade fühle schleppe ich mich noch zum Mittagessen und dann fühle ich mich so erschlagen dass ich eine Stunde lang trotz meiner lärmenden Mitpatienten auf der Couch im Gemeinschaftsraum einschlafe. Aber es ist kein erholsamer Schlaf.
Ich schleppe mich weiter von Stunde zu Stunde und bin ein wenig dankbar das endlich Feierabend ist.
Als ich heimkomme erzähle ich nur kurz meinem Mann von meinem Tag, dieser wirkt sichtlich betroffen. Auch er hat gemerkt dass da irgendwas mit mir geschieht das mir gerade alle Kraft raubt. Mehr denn je. Alles was mir an diesem Tag noch bleibt ist früh ins Bett zu fallen, denn die Traurigkeit in mir bringt eine wahnsinns Müdigkeit mit sich.
Ich will mit niemanden mehr sprechen und keinen sehen, alles was jetzt noch hilft ist Licht aus, Decke über den Kopf und bitte nicht mehr nachdenken müssen.

Der einzige verlässliche rote Faden in meinem Leben ist aktuell die Müdigkeit. 

Müde vom Leben.
Müde von mir selber !



Dienstag, 23. Januar 2018

Wege gehen

(Rückblick Nov 2017)

Tag 2 in der Tagesklinik.
Weniger scheu als noch am Vortag betrete ich die Tagesklinik. Von allen Seiten ertönt ein freundliches Moin.
Heute ist gleich nach dem Frühstück therapeutisches Wandern angesagt. Oh mein Gott. Ich und wandern ?
Nein - das passt gerade so gar nicht in meine Welt. Aber es nutzt nichts...da muss ich durch !
Kneifen geht nicht ! Mitmachen ausdrücklich erwünscht !
Wenn Du nicht gerade blutest oder etwas merkwürdig absteht, musst Du mit !

Also Jacke an und los. Bei ziemlich schmuddeligem Winterwetter geht es an den Deich. Die ganze Truppe. Deichspaziergänge waren vorher mein Leben. Egal ob bei Wind und Wetter oder Sonnenschein.
Doch diesmal kostet es mich Kraft. Viel Kraft.
Überwiegend schweigend geht jeder seine Wege. Ein paar kleine Grüppchen haben sich gebildet. Das sind die, die schon eine Weile da sind, die gefestigter sind, und schon wieder den Weg ins Leben zurück finden - stückweise. Während andere, so auch ich, schweigend entlang laufen und sich noch immer fragen, wie das überhaupt alles so weit kommen konnte.
Eigentlich fühlt sich gerade alles noch so falsch an, eigentlich gehört man hier doch noch gar nicht hin. Nicht in dem Alter und nicht mit solch einem Pillepalle. Aber das Leben hat manchmal seine eigenen Wege. Schicksale kommen und gehen, und die , die immer gelacht haben, alles auf die Seite schoben, haben sich vielleicht nur selber belogen.
Das Leben verlangt manchmal Dinge von uns für die wir einfach keine Kraft mehr haben wenn es einfach irgendwann mal ZUVIEL wird.

Zuviel wird mir dann auch irgendwann dieser Marsch. Ich merke wie die Panik mich wieder erfasst. Mein Herz pumpt und mein Puls rennt. Puls messen - das ist gerade so ein richtiger Tick von mir geworden. Manchmal 10 - 15 x hintereinander. Der Grund ist ein Herzinfarkt. Morgens um 6:10 Uhr...auf der Arbeit und mit nicht mal 40 Jahre auf dem Buckel.
Seitdem ist mein Leben endgültig aus dem Ruder gelaufen.
Ja ich bin ein bisschen selber schuld. Zuviel geraucht, manchmal zu wenig Bewegung und immer im Stress, niemals Nein sagend. Der Körper schlägt zurück...irgendwann...mit voller Wucht !

Jedenfalls messe ich meinen Puls...immer und immer wieder. Ich merke wie sich alles in mir zusammen zieht, der Druck auf der Brust wird stärker, meine Muskulatur verkrampft sich und meine Gedanken überschlagen sind. WAS wenn Du jetzt HIER umkippst ! Das geht doch nicht. ! Nicht hier !

Als der Teamleiter sagt dass es zum Bus zurück geht, geht auch mein Puls zurück, der Druck wird weniger, die Muskulatur fängt an sich langsam zu entspannen. Ja bloß weg hier bitte, und bitte wieder in die Nähe vom Klinikum, dort wo man mir im schlimmsten Fall sofort wieder helfen kann falls es mich nochmal umhaut.
Die ersten drei deftigen Panikattacken bekam ich in der Reha, sofort standen Ärzte bereit. Die vierte Panikattacke bekam ich daheim. Schon ein dummes Gefühl wenn man mit dem RTW weggefahren wird ! Seitdem habe ich Probleme mich irgendwo aufzuhalten wo eventuell niemand sein könnte der mir helfen kann falls es mich mal wieder erwischt.

Denken Sie da jetzt bitte nicht drüber nach - es lohnt nicht Gedankengänge von Panikgestörten verstehen zu wollen ! Die ticken anders ! Ganz anders ! Für gesunde Menschen manchmal nicht nachvollziehbar.

Wir sind zurück in der Tagesklinik. Der Puls ist wieder normal. Ich fühle mich wieder etwas freier. Trotzdem bin ich deprimiert. Diese Drecksgedanken machen mein Leben kaputt. Nehmen wir die Freude an Dingen die mir mal Spaß machten. Geben mir Angst. Ich mag keine Angst. Ich hasse Angst. Das bin doch nimmer ich selber. SO nicht. Und ich WILL es loswerden.
Jeden Dienstag ist nun Wandertag ! Jeden Dienstag diese Angst ? Wie soll das weiter gehen ?

Deshalb bin ich diesen Weg gegangen. Ein kleiner Schritt in die richtige Richtung hoffentlich ...ein kleiner Schritt der unglaublich viel Mut kostete...Tagesklinik. Ein Weg und Entschluss der nicht einfach war !





Ach geht doch alle weg !

(Rückblick Nov 2017)


ICH ?? Probleme ? Ach geh doch weg !

Alle ANDEREN haben Probleme - aber ICH doch nicht !
Ich weiß nicht einmal wie man Probleme schreibt !

Ja - so dachte ich bis vor Kurzem noch...und plötzlich finde ich mich inmitten 20 anderer Mitpatienten in einer Tagesklinik wieder. Alles was von meinem sonst so sprunghaften überdrehten Selbst noch übrig ist, ist ein Meer an Tränen und ein Häufchen Unglück. All das, was ich über Jahre weggelacht habe, holt mich mit einem Schlag ein.

Gedanken kommen und gehen.
Tränen rinnen und versiegen.
Fröhlichkeit wird zur Traurigkeit.
Kraft nur noch kräftezehrend.
Ängste entstehen.
Die Sackgasse naht.

WIE groß meine Probleme sind, findet sich schon im ersten Psychologengespräch. ICH die ja eigentlich nur selten weinte, leere auf einmal eine Kleenexbox und bin kaum zu beruhigen. Da ist etwas in mir, ich kann es nicht einmal selber benennen, das bohrt und macht mich schier wahnsinnig, müde und unendlich traurig.  Die Psychologin sagt es mit einem Wort :"DEPRESSION".
"Sie haben eine Angststörung, ausgelöst durch die letzten Ereignisse, gepaart mit einer ausgewachsenen Depression" !

Das etwas nicht stimmte, merkte ich selber. Aufstehen war ein Kraftakt, an allem was mir einst Freude bereitete verlor ich immer mehr die Freude,selbst vertraute und geliebte Menschen gingen mir auf die Nerven und Pflichten wurden zu unüberwindbare Hindernisse. Antriebslos, freudlos und immer ängstlich. Mein Zuhause war mein einziger Zufluchtsort. Mein Schutzschild. Ich schob es auf die Angst und Panikattacken. Nur deshalb, und weil alles zusammen mich 4 Mal ins Krankenhaus brachte, wollte ich mir Hilfe holen.

Nun sitze ich also bei der Psychologin. Gleich am nächsten Montag geht es los. Ein befremdendes Gefühl. "Hey- hier bin ich...die Bekloppte - die , die mit ihrem Leben nimmer klar kommt". Ich habe das Gefühl das jeder mir ansieht das ich "durch" bin. Aber schon nach wenigen Stunden ändert sich dieses Gefühl, denn schnell begreife ich, alle sind aus dem selben Grund hier. Alle haben ihre Päckchen mit sich zu tragen. Da wird niemand verurteilt, niemand schief angeschaut wenn Tränen fliesen, nein, es ist normal "schwach und anders" zu sein , es ist ok, und ich darf so sein wie ich aktuell bin.

Gerade bekomme ich ein kleines bisschen das Gefühl das meine Welt so wie sie ist, ok ist, das ICH ok bin...nur eben mit ein paar Problemen behaftet.
Nein geht nicht weg....bleibt noch ein bisschen bei mir...gerade fühle ich mich wohl in dieser Runde, weil ich ich sein darf !!!