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Mittwoch, 24. Januar 2018

Der rote Faden.

(Rückblick Nov 2017)

Und immer wieder kommt es zu Ereignissen die mich schier verzweifeln lassen.
WO in aller Welt ist mein einstiges ICH geblieben.

Ausdrucksmalen. Klingt interessant. Durch Gespräche der Mitpatienten höre ich aber dass es wohl sehr "nahe" gehen soll. Wird schon nicht so schlimm werden denke ich noch und betrete den Ergoraum. Dort findet dieses Ausdrucksmalen statt.

Eine kleine Gruppe, nur 5 Leute und die Therapeuten.
Ausdrucksmalen handelt nach einer Therapie von Arno Stern der mit Kriegskindern malte.
Aber nicht einfach nur malen, sondern nach einem gewissen Prinzip.
Fragen Sie mal Tante Google danach...der Mann ist wirklich sehr interessant !
So sitze ich also da, lausche den Worten des Therapeuten und sehe die angespannten Gesichter meiner Mitstreiter. Eine Patientin fängt schon vorher an zu Weinen. Das gibt mir zu denken und macht mir gleichzeitig wieder ordentlich Druck in der Brust. Unangenehme Situationen und Gedanken schlagen sich sofort auf meinen Körper nieder.

Nun, wir richten unseren Arbeitsplatz, stellen unsere Farben und Pinsel zusammen. Während wir alle vor unseren großen Blättern stehen erzählt uns der Therapeut das Thema dieser Stunde.
Und dann geht es los.
Wir lassen einen roten dicken Pinselstrich von Bild zu Bild laufen bis alle Bilder farbig miteinander verbunden sind. Und dann nimmt jeder sein Bild und malt seine Gedanken dazu. Thema also:

Der rote Faden !


Im ersten Moment denke ich mir nichts dabei, nehme den Pinsel zur Hand und will loslegen.

Aber NICHTS passiert. Ich bin starr, bewegungsunfähig, mein Kopf ist leer und irgendwo in mir keimt gerade eine riesengroße Traurigkeit heran. Hallo ? Was stimmt hier denn nicht ?
Ich kenne Traurigkeit - aber nicht in diesem gewaltigen Ausmaß.
Und ehe ich mich versehe bin ich nur noch am Heulen ! Ich kann NICHTS dagegen machen, so sehr ich es auch möchte.
Irgendwann resigniere ich, bemerke lediglich noch das mir irgendwer ein Taschentuch reicht und ich einfach nur noch weine, weine und noch mehr weine....
Ich muss warten bis die anderen ihre Bilder gemalt haben...in der Zeit starre ich aus dem Fenster, mir laufen die Tränen und ich versuche irgendwie zu verstehen was hier gerade geschieht. Aber ich bekomme es nicht zu fassen. Kein Stück, alles was mir noch bleibt um nicht endgültig ein leeres Bild abzugeben...: Ich nehme einen dicken Pinsel, und überstreiche meinen roten Faden ganz unbewusst deutlich schwarz. Das ist also mein erstes Bild...wie "wunderbar" (Ironie) ...ein roter Faden mit dicker schwarzer Farbe darauf !

Nur sehr, sehr schwer kann ich mich wieder beruhigen. Der Therapeut sagt noch zu mir, da schlummert etwas in mir was gerade gehörig zum Vorschein kommt, aber das sei gut !
Aha...ich fühle mich aber ordentlich beschissen. !!!
Nun muss jeder etwas zu seinem Bild sagen. Die, die schon ein wenig länger da sind, haben etwas mehr Lebendigkeit in ihr Bild gezaubert und können es relativ sicher und leicht beschreiben. Da hat es die Damen neben mir schon schwerer, sie hat aber auch noch 3 Wochen Therapie vor sich.
Das Mädel, welches weinend schon vorher den Raum verlassen hat, kommt erst gar nicht wieder, auch sie steht noch ganz am Anfang ihrer Therapie.
Dann kommen wir zu meinem Bild. Eine Mitpatientin soll es beschreiben.
Sie sagt, sie kann an dem Bild nur erkennen dass der rote Faden übermalt ist ab etwa der Hälfte des Bildes und sie das Gefühl hat dass ich meinen roten Faden im Leben verloren habe. Und während sie ihre Beschreibung abgibt fange ich schon wieder mehr an zu Weinen. Denn sie hat recht !!!
Ja verdammt ! Sie hat so recht !

Wo ist mein roter Faden im Leben geblieben ?
wo ist mein Lachen geblieben ?
wo ist mein Mut geblieben ?
wo ist meine Fröhlichkeit geblieben ?
wo ist meine Leichtigkeit geblieben ?
wo ist mein Kampfgeist geblieben ?

All dies ist mir die letzten Wochen abhanden gekommen. Hat sich in ein Nichts aufgelöst.
So beschissen wie ich mich gerade fühle schleppe ich mich noch zum Mittagessen und dann fühle ich mich so erschlagen dass ich eine Stunde lang trotz meiner lärmenden Mitpatienten auf der Couch im Gemeinschaftsraum einschlafe. Aber es ist kein erholsamer Schlaf.
Ich schleppe mich weiter von Stunde zu Stunde und bin ein wenig dankbar das endlich Feierabend ist.
Als ich heimkomme erzähle ich nur kurz meinem Mann von meinem Tag, dieser wirkt sichtlich betroffen. Auch er hat gemerkt dass da irgendwas mit mir geschieht das mir gerade alle Kraft raubt. Mehr denn je. Alles was mir an diesem Tag noch bleibt ist früh ins Bett zu fallen, denn die Traurigkeit in mir bringt eine wahnsinns Müdigkeit mit sich.
Ich will mit niemanden mehr sprechen und keinen sehen, alles was jetzt noch hilft ist Licht aus, Decke über den Kopf und bitte nicht mehr nachdenken müssen.

Der einzige verlässliche rote Faden in meinem Leben ist aktuell die Müdigkeit. 

Müde vom Leben.
Müde von mir selber !